Einblicke · Künstliche Intelligenz · Softwareentwicklung
Die 10/90-Regel.
Die letzten 10 Prozent sind 90 Prozent der Arbeit.
Ein halb gebautes Haus sieht halb fertig aus — das schützt vor Fehleinschätzungen. Software mit Künstlicher Intelligenz verhält sich umgekehrt: Der Prototyp steht an einem Nachmittag und sieht aus wie das fertige Produkt. Der Weg von dort zu einer Software, die im echten Betrieb trägt, ist planbare Handarbeit: Wie aus einem schnellen Entwurf ein verlässliches Produkt wird.
21. Juni 2026 · Aktualisiert 7. August 2026 · Lesezeit 7 Minuten · Mike Krister
01 · Die Regel
Eine alte Regel, neu bestätigt
Schon 1985 brachte der Programmierer Tom Cargill von den Bell Labs eine Beobachtung auf den Punkt, die seither in der Fachliteratur als Ninety-Ninety-Rule zitiert wird. Festgehalten hat sie Jon Bentley in seiner Kolumne „Programming Pearls" in den Communications of the ACM. Sinngemäß: Die ersten 90 Prozent einer Software kosten 90 Prozent der Zeit. Die letzten 10 Prozent kosten noch einmal 90 Prozent der Zeit. Die Regel ist bewusst überspitzt — sie beschreibt keinen Zeitplan, sondern den Schätzfehler derer, die nur den sichtbaren Teil planen.
Künstliche Intelligenz hat den ersten Block von Wochen auf Stunden verkürzt. Der zweite ist geblieben. Neu ist nur, wie leicht sich das übersehen lässt: Der Prototyp sieht dem fertigen Produkt zum Verwechseln ähnlich. Wie verbreitet diese Erfahrung ist, zeigt der Entwicklerreport von Stack Overflow 2025: 66 Prozent der Entwickler nennen „fast richtig, aber nicht ganz" als größten Frust mit KI-Code.
Dass 90 plus 90 mehr als 100 ergeben, ist Absicht: Der sichtbare Teil einer Software und ihr tragender Teil sind zwei eigenständige Arbeitsblöcke. Wer das weiß, kalkuliert beide von Anfang an ein. Der zweite Block heißt in diesem Artikel schlicht „die letzten 10 Prozent".
02 · Der Prototyp
Warum die ersten 90 % so schnell gehen
Eine Eingabemaske, eine Produktliste, ein Kontaktformular, ein Login: solche Aufgaben sind in tausenden Varianten im Internet beschrieben. Genau daraus hat die KI gelernt. Sie erkennt das Muster und schreibt in Sekunden, wofür ein Mensch früher Stunden brauchte. Das Ergebnis sieht echt aus und lässt sich vorführen. Ein ehrlicher Fortschritt.
Demo ist nicht Betrieb.
Ein Prototyp muss einmal funktionieren, vor wohlwollendem Publikum, mit sauberen Beispieldaten. Echte Software muss tausendfach funktionieren: mit echten Kunden, echten Daten und echten Fehlern. Zwischen beidem liegen die letzten 10 Prozent.
Diese Lücke hat in der Fachwelt einen Namen. Der Google-Entwickler Addy Osmani nannte sie 2024 das „70-Prozent-Problem": KI bringe einen erstaunlich schnell auf etwa 70 Prozent einer Lösung, der letzte Teil zwischen Vorführung und fertigem Produkt bleibe die härteste Arbeit. Anfang 2026 hat er nachgelegt: Bei neuen, überschaubaren Projekten reiche die KI heute oft bis 80 Prozent und weiter. Doch der Abstand zwischen Prototyp und betriebsbereiter Software „wird kleiner, aber er ist nicht verschwunden". Ob man es 70/30 nennt oder 90/10: Die Erfahrung dahinter ist dieselbe.
Einen Rohbau erkennt jeder als Rohbau. Ein Software-Prototyp ist ein Rohbau, der aussieht wie ein bezugsfertiges Haus.
Das Tempo-Gefühl trügt dabei messbar. Das Forschungsinstitut METR begleitete 2025 erfahrene Entwickler bei echter Projektarbeit mit KI-Werkzeugen: Sie erwarteten, rund 24 Prozent schneller zu sein, gemessen brauchten sie etwa 19 Prozent länger. Für eine Kalkulation heißt das: Der Zeitplan folgt der gemessenen Zeit, nicht dem Gefühl.
03 · Die Restarbeit
Was in den letzten 10 % steckt
Die letzten 10 Prozent sind keine einzelne große Aufgabe. Sie bestehen aus vielen kleinen, die auf keiner Vorführung auffallen und doch darüber entscheiden, ob die Software im Alltag trägt. Es sind genau die Bereiche, die die KI gern überspringt.
Es beginnt bei den Fällen, die in keiner Vorführung vorkommen: Ein Feld bleibt leer, ein Name enthält Sonderzeichen, zwei Kunden buchen im selben Moment denselben Termin. Die Demo kennt diese Fälle nicht, der echte Betrieb besteht aus ihnen. Dazu kommt, was man dem Code nicht ansieht: Wer darf was sehen und ändern, welche personenbezogenen Daten liegen wie lange wo, und hält die Einwilligung, was die DSGVO verlangt. KI-Code „funktioniert" oft, ohne abgesichert zu sein.
Der Rest ist Anschluss an die Wirklichkeit. Zahlungsanbieter, Warenwirtschaft, Newsletter und Buchhaltung müssen wirklich angebunden sein, nicht angedeutet: Genau dort brechen Prototypen, sobald die ersten echten Daten fließen. Die Software muss auf dem alten Smartphone laufen, im schwachen Netz, mit Tastatur und Vorlesefunktion, und seit 2025 ist Barrierefreiheit für viele Anbieter Pflicht, nicht Kür. Und sie muss in drei Jahren noch pflegbar sein: Browser ändern sich, Gesetze ändern sich, Angreifer werden besser.
Sie zahlen für das, was man nicht sieht.
Auf den meistgenannten Frust im Stack-Overflow-Entwicklerreport 2025 folgt direkt der zweitgenannte: der Aufwand, „fast richtigen" Code zu prüfen und zu korrigieren (45 Prozent). Der Code sieht fertig aus und ist es nicht.
Eine Software, die zu 90 Prozent läuft, läuft nicht. Sie sieht nur so aus. Der Unterschied zwischen einer beeindruckenden Vorführung und einer Software, auf die Sie Ihr Geschäft stellen können, lässt sich auflisten: Es ist genau die Liste, die in den schnellen 90 Prozent noch fehlt.
| Aspekt | KI-Prototyp (die ersten 90 %) | Betriebsbereit (die letzten 10 %) |
|---|---|---|
| Daten | Saubere Beispieldaten | Echte, unordentliche Kundendaten |
| Sonderfälle | Kommen in der Demo nicht vor | Durchgespielt und abgesichert |
| Fehler | Treten in der Demo nicht auf | Abgefangen und sauber gemeldet |
| Sicherheit | Selten mitgedacht | Von Grund auf eingebaut |
| Datenschutz (DSGVO) | Nicht berücksichtigt | Nach aktuellen Anforderungen eingerichtet |
| Schnittstellen | Attrappe oder fehlt noch | Tatsächlich angebunden und getestet |
| Geräte & Barrierefreiheit | Auf einem Gerät vorgeführt | Tastatur, Vorlesefunktion, schwaches Netz |
| Wartung | Code schwer nachvollziehbar | Verständlich und pflegbar |
04 · Kalkulation
Wie die letzten 10 % planbar werden
Weil die Verteilung bekannt ist, stehen die tragenden 10 Prozent im Angebot, nicht im Nachtrag. Deshalb arbeitet Dynamic Visual mit Festpreis und festem Termin. Vier Schritte machen aus der bekannten Verteilung einen Plan:
Umfang abgrenzen
Was gebaut wird und was ausdrücklich nicht, steht schriftlich fest, bevor die erste Zeile entsteht.
Die tragenden 10 Prozent einpreisen
Sonderfälle, Sicherheit, Datenschutz, Schnittstellen und Wartung sind Positionen der Kalkulation. Nachträge sind sie nur dort, wo sie vorher niemand gerechnet hat.
Früh gegen den Echtbetrieb stellen
Die Software läuft gegen reale Zugänge, reale Datenmengen und die Fälle, die in der Demo nie auftauchen. Was dabei bricht, bricht vor der Abnahme.
Preis und Termin gelten der fertigen Software
Genannt wird kein Datum für den Prototyp, auf das dann der Rest folgen soll. Der Zeitplan beschreibt den Tag, an dem Sie wirklich starten können.
Nach welchen fünf Leitplanken jeder einzelne KI-Entwurf vor der Auslieferung geprüft wird, steht im Werkstattbericht Vom Entwickler zum Qualitätsmanager der KI.
Gute Abläufe machen KI besser, nicht umgekehrt.
Der DORA-Report 2025, die am längsten laufende große Studienreihe der Branche, bringt es auf den Punkt: KI verstärkt das, was schon da ist. Teams mit klaren Abläufen liefern mit KI spürbar schneller; Teams ohne sammeln nur schneller offene Enden an. Das Werkzeug ersetzt das Handwerk nicht — es belohnt es.
05 · Angebotsprüfung
Woran Sie ein belastbares Angebot erkennen
Künstliche Intelligenz gehört hier zum täglichen Werkzeug. Sie verschiebt die Arbeit nur: weg vom Tippen, hin zum Prüfen, Absichern und Fertigstellen. Genau dort, in den letzten 10 Prozent, entsteht der Wert, den Sie bezahlen.
Die eine Frage, die Sie stellen sollten.
Verspricht Ihnen jemand eine Software „in wenigen Tagen, komplett mit KI", fragen Sie nach den letzten 10 Prozent. Bekommen Sie eine klare Antwort, sind Sie richtig. Bekommen Sie keine, kaufen Sie eine Vorführung — kein Produkt.
Ein schneller Prototyp ist ein gutes Zeichen und ein guter Anfang. Belastbar wird der Zeitplan erst, wenn die tragenden 10 Prozent von Beginn an mitgerechnet sind: Dann lässt sich die Verteilung zum Festpreis anbieten, und Sie wissen vorab, was es kostet und wann Sie starten. Wer diese 10 Prozent einkalkuliert, kann Preis und Termin nennen, die halten.
Sie planen eine Website, einen Shop oder eine eigene Anwendung?
Dann lassen Sie uns über das ganze Bild reden, die schnellen 90 Prozent und die tragenden 10, bevor Sie anfangen. Preis und Termin gelten der betriebsbereiten Lösung, nicht dem Prototyp.
Quellen: Ninety-ninety rule — Tom Cargill (Bell Labs), popularisiert durch Jon Bentley, „Programming Pearls", Communications of the ACM, September 1985. · Addy Osmani, „The 70 % Problem: Hard Truths about AI-assisted Coding" (2024) und „The 80 % Problem in Agentic Coding" (2026). · METR, „Measuring the Impact of Early-2025 AI on Experienced Open-Source Developer Productivity" (2025). · Stack Overflow Developer Survey 2025. · DORA / Google, „State of AI-assisted Software Development" (2025).